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Haus B Kreisverwaltung

Schläge und Schikane in Behinderteneinrichtungen von 1949 bis 1990

Informationsabend für Betroffene, Betreuer und Angehörige am 7. Februar 2018

Die Gebäude waren baufällig, eng und schäbig. Schikane, Erniedrigungen und Gewalt standen fast überall auf der Tagesordnung. Die Bewohner wurden mit Dachlatten, Drahtbürsten und Bügeleisen geschlagen; sie wurden an Haaren und Ohren gezogen und beschimpft – von Mitarbeitern, aber auch von eigentlich Gleichgesinnten: Jahrzehntelang wurden Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Beeinträchtigungen in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe beziehungsweise der Psychiatrie untergebracht. Dort sollten sie – abgeschottet von der „Normalgesellschaft“ – leben, lernen, arbeiten und sterben. Vielfach entwickelten sich diese Einrichtungen zu Orten der Vernachlässigung, Demütigung und Angst. Die Folgen wirken bei den meisten bis heute nach. Hier setzt die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ an. Sie arbeitet die Leids- und Unrechtserfahrungen nicht nur wissenschaftlich auf, sondern unterstützt Betroffene auch finanziell. Eine kostenfreie Informationsveranstaltung dazu findet am Mittwoch, 7. Februar, um 16 Uhr im Kreistagssitzungssaal der Kreisverwaltung in Bad Segeberg statt.

Die Stiftung möchte Menschen erreichen, die als Kinder oder Jugendliche in der Zeit von 1949 bis 1975 (in der BRD) beziehungsweise von 1949 bis 1990 (in der DDR) in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe Leid und Unrecht erfahren haben. „Diese Geschehnisse können ganz unterschiedliche Ausprägungen haben“, sagt Christel Müller vom Betreuungsverein Kreis Segeberg e.V.. In Berichten ist beispielsweise von Zwangsfütterungen die Rede, bei denen Kindern ihr Erbrochenes wieder eingeflößt wurde; andere wurden tagelang in dunkle Kammern eingesperrt, in Zwangsjacken gesteckt oder mit einem Ledergurt auf der Toilettenschüssel festgebunden. Die Gewalt war körperlicher, sexueller und psychischer Art. Noch heute leiden viele der damaligen Bewohner unter ihren Verletzungen. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl, haben nie gelernt, Wünsche und Bedürfnisse zu äußern und manche werden regelmäßig von Panikattacken heimgesucht.
 
Katja Lohmeier, Leiterin des Fachdienstes „Betreuungsbehörde“ bei der Kreisverwaltung, geht davon aus, dass auch im Kreis Segeberg Menschen leben, die in jungen Jahren misshandelt und gedemütigt worden sind – entweder in einer der Einrichtungen, die es damals in der Region gab, oder anderswo in der Bundesrepublik oder der DDR.

„Unser Hauptproblem ist es, Betroffene zu erreichen“, sagt Christel Müller. Viele wüssten gar nicht, dass es die Stiftung gibt, wieder andere seien selbst möglicherweise gar nicht in der Lage, über das Leid zu sprechen, das ihnen widerfahren ist.
„Deswegen möchten wir vor allem auch Betreuer und Angehörige ansprechen.“ Allein der Verdacht, dass einem Menschen im genannten Zeitraum Unrecht zuteil geworden sein könnte, genüge bereits, um Kontakt mit der Stiftung aufzunehmen. Der bürokratische Aufwand sei äußerst gering, sagt Katja Lohmeier, die sich wünscht, dass möglichst viele Menschen Unterstützung von der Stiftung erhalten.

Die Veranstaltung wird gemeinsam vom Kreis Segeberg und dem Betreuungsverein Kreis Segeberg organisiert. Es wird dabei unter anderem um Fragen gehen wie: Was leistet die Stiftung? Wer kann sich anmelden? Welche Einrichtungen sind gemeint? Wie sieht die Unterstützung konkret aus? Referentin ist Britta Tölch vom Landesamt für soziale Dienste in Schleswig-Holstein, zu dem die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ gehört.


Über die Stiftung:

Der Deutsche Bundestag hat die Bundesregierung aufgefordert, in Abstimmung mit den Bundesländern ein Hilfesystem zu errichten für Menschen, die als Kinder und Jugendliche in der Zeit vom 23. Mai 1949 bis zum 31. Dezember 1975 in der Bundesrepublik Deutschland bzw. vom 7. Oktober 1949 bis zum 2. Oktober 1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder in stationären psychiatrischen Einrichtungen Leid und Unrecht erfahren haben. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat gemeinsam mit Ländern und Kirchen einen Lösungsweg erarbeitet, um das Leid der Betroffenen anzuerkennen und das erlebte Unrecht aufzuarbeiten. Das errichtete Hilfesystem ist die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“. Sie besteht seit Januar 2017. Alle Bundesländer haben Beratungsstellen eingerichtet, die bei der Aufarbeitung, Anerkennung sowie Antragstellung behilflich sind. Umfängliche schriftliche Nachweise wie ärztliche Gutachten müssen nicht vorgelegt werden. Allein die Schilderung des erlittenen Leids ist in der Regel ausreichend.

Zu den pauschalen, einmaligen Geldleistungen gehören unter anderem 9.000 Euro zur selbstbestimmten Verwendung (das Geld wird nicht auf mögliche andere Sozialleistungen angerechnet) sowie 5.000 Euro als Rentenersatzleistung für sozialversicherungspflichtige Arbeit von mehr als zwei Jahren. Die Frist für eine Anmeldung endet am 31. Dezember 2019.

Verantwortlich / Ansprechperson

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