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Dr. Waldemar von Mohl, Landrat in Segeberg 1932-1945

Biografie

Die Amtszeit von Waldemar von Mohl war geprägt durch die Bedingungen des Nationalsozialismus. Landrat von Mohls Rolle wurde nach 1945 lange Jahre positiv bewertet, ab Mitte der 1990er Jahre jedoch zunehmend Gegenstand von Auseinandersetzungen über die richtige Einordnung seiner Person und seines Verhaltens.

Waldemar von Mohl wurde am 6. September 1885 im ostpreußischen Ponarien als Diplomatensohn geboren. Nach Besuch von sehr angesehenen Schulen absolvierte er ein Jurastudium (unter anderem in Paris und Oxford) und wurde zum Dr. iur. promoviert. Anschließend schlug von Mohl die Laufbahn des höheren Verwaltungsbeamten ein, unterbrochen durch seinen Dienst als Oberleutnant im Ersten Weltkrieg. Nach einer kurzen Station im Reichsministerium des Inneren wurde von Mohl 1921 Landrat des schleswig-holsteinischen Landkreises Bordesholm, nach dessen Auflösung wechselte er 1932 in den Nachbarkreis Segeberg, wo er bis Mai 1945 amtierte. Zwischen Juni 1940 und August 1943 übernahm er zusätzlich die Verwaltung des Nachbarkreises Plön in Vertretung des zum Wehrdienst einberufenen Landrats. Im Sommer 1945 internierten die britischen Besatzungstruppen von Mohl für eine kurze Zeit. Das – noch britische – Entnazifizierungsverfahren führte zum Urteil „unbelastet“. Von Mohl trat in den Ruhestand und widmete sich bis zu seinem Tod am 1. März 1966 zahlreichen Ehrenämtern in Segeberg, geehrt unter anderem mit der Freiherr-vom-Stein-Verdienstmedaille.

Waldemar von Mohls Familie gehörte zur gesellschaftlichen Elite des Kaiserreichs, dessen soziales und geistiges Kind er war und blieb. Der Erste Weltkrieg bedeutete für ihn wie für viele einen zentralen biografischen Wendepunkt, die Revolution von 1918/19 die Umkehrung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Der Weimarer Republik und dem demokratischen Parteienstaat stand der Staatsbeamte von Mohl mit großer Distanz gegenüber, auch wenn er 1928 Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP) wurde, der Partei des konservativen Bildungsbürgertums und der nationalliberalen Oberschicht. Als Persönlichkeit wurde er mit der Haltung und dem Benehmen eines englischen Gentlemans wahrgenommen.

Auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Umformung von Staat und Gesellschaft nach nationalsozialistischen Vorstellungen blieb er den neuen Machthabern gegenüber zunächst eher distanziert. Im Gegensatz zu vielen Amtsträgern trat er der NSDAP zunächst nicht bei. Seine Landratskollegen und der Aufsicht führende Regierungspräsident schätzten ihn fachlich sehr. Er bekleidete verschiedene Leitungsämter in Verbänden. Diesem fachlichen Können und seiner Bereitschaft, die Maßnahmen des NS-Regimes ohne sichtbaren Widerstand umzusetzen, verdankte von Mohl, dass er bis Mai 1945 auf seinen Posten blieben konnte – etwas, was außer ihm keinem anderen Landrat in Schleswig-Holstein gelang! Dazu gehörte Anpassungsbereitschaft, die sich im Beitritt zur NSDAP 1937 zeigte. Außerdem bewies er taktisches Geschick im Umgang mit dem sehr dominant auftretenden Kreisleiter der NSDAP Werner Stiehr, der ihn als 1. Kreisdeputierter bei Abwesenheit als Landrat vertrat und mit dem er einen Weg fand, sich die Entscheidungsgewalt im Kreis Segeberg zu teilen. Vor allem aber sorgte Waldemar von Mohl dafür, dass die Verwaltung in Segeberg reibungslos funktionierte – auch bei der Umsetzung von nationalsozialistischen Maßnahmen. Das zeigte sich beispielsweise bei der Verfolgung politischer Gegner, wobei der Landrat als Kreispolizeibehörde an Verhaftungen mitwirkte. Das zeigte sich auch in der Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden bei dem Vollzug der NS-Rassen- und Bevölkerungspolitik. Auch war der Landrat eingebunden in die Verwertung jüdischen Eigentums, das die ursprünglichen Eigentümer unter Zwang verkauften oder im Rahmen der Verfolgungsmaßnahmen verloren. All dies verantwortete von Mohl im Rahmen der üblichen Verwaltungsaufgaben eines Landrats – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Waldemar von Mohl war kein Nationalsozialist im engeren Sinne, aber er stellte sich als Beamter in den Dienst des NS-Unrechtsregimes und wirkte pflichtgemäß daran mit, auch wenn er es innerlich möglicherweise ablehnte. So steht er als Beispiel für die große Gruppe von Angehörigen von gesellschaftlichen Eliten, die durch ihre Mitarbeit und nicht zuletzt durch ihr persönliches Beispiel die nationalsozialistische Diktatur auch im Kreis Segeberg ermöglichten.

Quellen

Vergangenheitspolitische Debatte um Waldemar von Mohl

Die Existenz der Landratsdokumentation des Kreises Segeberg ist eng verknüpft mit einer vergangenheitspolitischen Debatte um die angemessene Würdigung und Einordnung der Biografie und des Handelns von Waldemar von Mohl als Landrat in Segeberg in der NS-Zeit. Eine über mehrere Jahrzehnte andauernde, zum Teil in der regionalen Öffentlichkeit geführte Diskussion, angestoßen und beharrlich weitergeführt von dem Segeberger Laienhistoriker Dr. h.c. Gerhard Hoch mündete 2013 in ein Gutachten durch das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte der Universität Flensburg (IZRG) über die Rolle von Mohls in der NS-Zeit und einen angemessenen Umgang mit der Erinnerung an ihn und sein Wirken im Kreis.

Bis in die 1980er Jahre hinein herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass der Kreis Segeberg und seine Bewohner mit von Mohl von einem Landrat durch die NS-Zeit geleitet worden seien, der „trotz aller Irrtümer, im großen und ganzen das menschlich Richtige getan“ habe – wie er es selbst 1956 ausdrückte. Dann erhob Gerhard Hoch im Zusammenhang der Benennung einer Straße nach dem ehemaligen Landrat durch die Stadt Bad Segeberg erste Vorwürfe gegen von Mohl, und zwar bezogen auf dessen Rolle bei der Umsetzung der Verdrängungs- und Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden. Großen Widerhall fanden Hochs Interventionen im Jahr 1995, erneut hatte er mehrfach von Mohls Rolle in der NS-Zeit problematisiert und den unkommentierten Abdruck von Auszügen aus dem Tagebuch des Landrats in der Segeberger Zeitung anlässlich der 50jährigen Wiederkehr des Kriegsendes als zu unkritisch befunden. Im Gegenzug meldete sich nun von Mohls Sohn zu Wort, um zu widersprechen und für den Vater Partei zu ergreifen. Gerhard Hoch bündelte seine Bewertungen ausführlich in einem eigenen, im Jahr 2000 erschienenen Band unter dem Titel „Die Amtszeit des Segeberger Landrats Waldemar von Mohl 1932-1945“. Gegen die in dem Buch gegen von Mohl erhobenen Vorwürfe formierte sich Protest, vor allem vorgetragen von Anton Graf Schwerin von Krosigk, ehemals Landrat in Segeberg zwischen 1966 und 1990, der Hochs Buch schlicht als „Schmähschrift“ bezeichnete.

Zur Jahreswende 2012/13 transportierte eine von der Kreistagsfraktion der Partei Die Linke verfasste Anfrage an die damalige Landrätin Jutta Hartwieg die Debatte zugespitzt in den politischen Raum. Man beanstandete, dass das Porträtfoto Waldemar von Mohls unkommentiert neben anderen Landratsporträts im Segeberger Kreishaus hänge. Im Gefolge der politischen Diskussion erging der Auftrag für das IZRG-Gutachten. Der Tenor des Gutachtens sieht Waldemar von Mohl als ein „typisches Beispiel für die Rolle traditioneller Eliten im Dritten Reich“, welche „durch Anpassungsbereitschaft und zum Teil vorauseilende Selbstgleichschaltung zu Akteuren des NS-Unrechtsregimes wurden, auch wenn sie der NS-Ideologie innerlich fern standen“. Als Handlungsempfehlung erging der Vorschlag, das Porträt nicht abzuhängen, aber auch nicht unkommentiert zu lassen, sondern zu präsentieren als Teil einer Landratsdokumentation des Kreises Segeberg, die eine aktive und differenzierte Auseinandersetzung mit den Landräten und ihrem Wirken im historischen Kontext erlaubt.

Gutachten von Sebastian Lehman zur Rolle von Landrat von Mohl

IZRG‐GutachtenWaldemarvonMohl